Elke R. unterwegs mit dem Auto


Patientengeschichte · CVU / Offenes Bein


„Ich konnte zuschauen,
wie die Wunde heilt.“


Innovative Zelltherapie bringt Bewegungsfreiheit zurück


Die Wunde am Bein brannte und pochte so stark, dass die immer mobile
Elke R. (81) kaum noch laufen konnte. Nach einer modernen Behandlung
in einer Studie geht es für sie nun wieder Schritt für Schritt bergauf –
und sogar der nächste Urlaub ist schon geplant.

Der Terminkalender von Elke R. (81) ist prall gefüllt. Die Rentnerin
aus Suhlendorf engagiert sich im örtlichen Sozialverband Deutschland
e.V., hilft Senioren dort beim Ausfüllen von Anträgen, leitet die
Frauengruppe und ist Schatzmeisterin. 50 Jahre lang spielte sie Geige,
ist jetzt auf Klavier umgestiegen und reist gerne. Die ehemalige
Maschinenbauzeichnerin und Industriekauffrau kam kurz nach der Wende
mit ihrer Familie nach Westdeutschland, meisterte im Berufsleben so
manche Hürde und lässt sich im Ruhestand erst recht nicht ausbremsen –
weder von ihrem Rheuma und dem Diabetes noch von einer chronischen
Wunde, auch bekannt als „offenes Bein“.

Elke gehört daher auch zu den ersten Patienten in Deutschland, die sich
im Rahmen einer Studie mit einer modernen Zelltherapie gegen
chronisch-venöse Ulcera (CVU) haben behandeln lassen. Eine kluge
Entscheidung, denn ihre etwa passfotogroße, knochentiefe, nässende und
brennend-pochende Wunde ist dadurch bis auf eine
stecknadelkopf-kleine Stelle verheilt.

Elke R. zu Hause


Mutmachgeschichte

Elke R.


81 Jahre
Rentnerin aus Suhlendorf
Niedersachsen


Neue Hoffnung dank einer innovativen Therapie

An den 17. September 2024 erinnert sich Elke ganz genau: „Um 13 Uhr
sollte meine Wunde am linken Unterschenkel im Universitätsklinikum
Hamburg Eppendorf (UKE) mit einer neuartigen Zelltherapie behandelt
werden. Alle waren bereit, etwas nervös und warteten gespannt auf das
Zell-Präparat, das aus Heidelberg eingeflogen werden sollte. Es muss
am Tag der Behandlung hergestellt und innerhalb von acht Stunden
verbraucht werden. Ein verspäteter Flieger, Staus auf dem Weg vom
Flughafen zur Klinik, und alles wäre umsonst gewesen. Zum Glück kam
das Präparat wie geplant rechtzeitig in einer speziellen Transportbox
an, mitsamt einem Mitarbeiter der Herstellerfirma – der war allerdings
schweißgebadet.“

Die eigentliche Behandlung verlief ebenfalls spannend und überraschend
einfach: Die Zell-Lösung wurde auf die zuvor gereinigte Wunde mithilfe
einer Fertigspritze gleichmäßig aufgetropft und wirkte gut 15 Minuten
ein. Danach deckte der Arzt die Wunde mit einem Filmpflaster ab und
legte einen Verband an. Eine nur etwa einstündige Behandlung, die für
Elke den Wendepunkt auf einem langen Leidensweg brachte.


„Es fühlte sich an, als würde ich von innen aufgefressen.“

Elke R.

Als sich im April 2022 eine eitrige Stelle oberhalb des linken
Fußknöchels bildet, ahnt Elke schon Schlimmes. Einige Jahre zuvor hatte
sie bereits zwei Wunden am linken Unterschenkel, die lange nicht
heilten. Und tatsächlich: Innerhalb weniger Monate entwickelt sich aus
der kleinen Stelle eine nässende Wunde – tief bis auf den Knochen und
etwa so groß wie ein Passfoto.

Elke R. im Alltag

„Dieser brennende, pochende Schmerz ist kaum zu ertragen und es fühlt
sich an, als würde ich von innen aufgefressen. Knapp neun auf einer
Schmerzskala von eins bis zehn“, schildert die Rentnerin. Die Wunde
wird im Competenzzentrum Dermatologische Forschung (CeDeF) am UKE in
Hamburg behandelt – mit regelmäßigen Reinigungen, Pflastern, Verbänden
und innovativen Wundauflagen wie etwa biologisch aufbereiteter
Fischhaut. „Die Reinigungen tun höllisch weh und die lokale Betäubung
wirkt da kaum. Durch die Pflaster wird die Haut drumherum außerdem
empfindlich und ist nur noch hauchdünn.“

Ein doppeltes Dilemma für Patientinnen wie Elke, deren nicht heilende
Wunden meist durch ein Venenleiden wie eine chronisch venöse
Insuffizienz und damit verbundene Ödeme verursacht werden. Denn neben
der Wunde muss auch die Krankheitsursache mit Entwässerungstabletten
und enganliegenden Kompressionsstrümpfen behandelt werden.

„Die morgens anzuziehen und den ganzen Tag zu tragen, ist eine echte
Herausforderung – vor allem, wenn die Haftränder in die Haut
einschneiden“, weiß Elke aus leidvoller Erfahrung. Doch trotz aller
Maßnahmen heilt ihre Wunde damals nicht. Die Rentnerin kann nur noch
kleine Strecken gehen, muss immer wieder die Beine hochlegen und hat
mittlerweile Pflegegrad zwei. Zum Glück kann Tochter Astrid (57) sie
unterstützen. Sie wohnt in der Nachbarschaft, kommt täglich vorbei und
übernimmt die Pflege ihrer Mutter.


„Ich konnte zuschauen, wie die Wunde heilt“

Als sich nach rund zwei Jahren keine wirkliche Besserung einstellt,
fragt die behandelnde Ärztin Dr. Franziska Zirkenbach (UKE Hamburg)
Elke, ob sie bei einer Studie für eine neuartige medikamentöse
Behandlung mit Stromazellen für nicht heilende Wunden mitmachen
möchte. Die Rentnerin überlegt nicht lange und willigt ein. Ihr Motto:
„Schlimmer kann’s nicht werden, und da bin ich gerne auch mal
Versuchsperson.“


Kurz erklärt

Stromazellen und Wundheilung

Die Stromazellen, die aus der Haut gesunder Spender gewonnen werden,
können den natürlichen Selbstheilungsprozess wieder in Gang bringen.

„Innerhalb von zwei bis drei Monaten verkleinerte sich die Wunde
sichtbar, nässte zwar noch, schmerzte aber nicht mehr“, erinnert sich
Elke. Es dauert ein paar weitere Monate, bis kaum noch etwas zu sehen
und zu spüren ist.

„Ich konnte zuschauen, wie die Wunde heilt“, erinnert sie sich.
Nach rund einem Jahr ist nur noch eine stecknadelkopf-kleine Stelle
zu sehen und möglicherweise verschwindet auch die bis zum nächsten
Kontrolltermin am UKE.

Auch Dr. Zirkenbach ist zufrieden:


„Ab der 8. Woche konnten wir eine Wundverkleinerung feststellen,
und anschließend zog sich der Wundheilungsprozess langsam,
aber stetig über Monate hin.“

Dr. Franziska Zirkenbach

Auf jeden Fall ist Elke schon wieder gut zu Fuß und ein Stadtbummel
kein Problem mehr. „Da bin ich einmal aus Freude so lange gelaufen,
dass ich danach sogar Muskelkater hatte“, lacht sie.

Elke R. unterwegs mit ihrer Tochter


„Da bin ich einmal aus Freude so lange gelaufen,
dass ich danach sogar Muskelkater hatte.“

Elke R.


Nachsorge ist zugleich Vorsorge

Für den nachhaltigen Erfolg der Zelltherapie ist eine regelmäßige
Wundversorgung und -kontrolle sowie die Behandlung der
Grunderkrankung, also der Venenschwäche, wichtig. Elke trägt tapfer die
leider immer noch unangenehmen Kompressionsstrümpfe und nimmt
Entwässerungstabletten. Alle zwei bis drei Tage wechselt sie den
Verband selbst, alle 14 Tage fährt sie dafür in die nahegelegene
Helios-Klinik. „Mit dem Auto brauche ich dorthin nur eine halbe
Stunde.“

Zum Kontrolltermin alle zwei bis drei Monate nach Hamburg fährt sie
Bahn und Bus und nimmt wegen der Fußwege an einem solchen langen Tag
sicherheitshalber noch den Rollator mit.

Ihre Zeit teilt sie sorgsam ein, denn auf dem Plan stehen ja auch ihre
Aufgaben im Sozialverband, und um die anderen Erkrankungen muss sie
sich ebenfalls kümmern. Und trotz allem soll auch noch Zeit
übrigbleiben zum Kaffeetrinken mit der Familie, zum Klavierspielen und
Reisen.

„Nach einer fantastischen Kreuzfahrt auf die Kanaren geht‘s demnächst
ins Strandbad Kolberg an die polnische Ostseeküste“, freut sich die
Rentnerin. Dank der erfolgreich angestoßenen Wundheilung kann Elke
sich nun wieder auf Strandspaziergänge in ihrem Urlaub freuen.

Und Expertin Dr. Zirkenbach sieht in der innovativen Zelltherapie
endlich die Chance, „auch nach langwierigen, leidvollen
Erkrankungsverläufen die Wundheilung zu unterstützen und einen
Wundverschluss zu erzielen.“


Gut zu wissen

Chronische Wunde – offenes Bein

Als chronisch gilt eine Wunde, wenn nach drei Monaten keine
Heilungstendenz oder nach zwölf Monaten keine Komplettheilung
erkennbar ist. Meistens blockieren andauernde Entzündungsreaktionen
die natürliche Wundheilung. Ursache ist oftmals eine Venenschwäche,
eine chronisch venöse Insuffizienz (CVI).

Aufgrund anhaltender Durchblutungsstörungen in den Venen können
sich Krampfadern, Gewebeschäden, Geschwüre und schließlich
schmerzhafte, tiefe und großflächige Wunden am Unterschenkel
entwickeln. Daher auch die Bezeichnung „offenes Bein“.


Gut zu wissen

Info Zelltherapie

Die Therapie mit Stromazellen ist die erste medikamentöse
Behandlung für Menschen, deren chronische Wunden
(chronisch venöse Ulcera, CVU) sich trotz optimaler
Standardtherapie nicht schließen.

Die Zellen, die aus der Haut gesunder Spender gewonnen werden,
starten die körpereigene Wundheilung neu. Die Zelltherapie wurde
Ende 2021 vom Paul-Ehrlich-Institut für Deutschland genehmigt
und kann bei Patienten mit therapieresistenten CVU auf
Einzelfall-Antrag von den Krankenkassen übernommen werden.


*Stand 2024


Bildmaterial:

Gerd Bülte / fotoart4you


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